The music on this album is both highly sensual and deeply spiritual. Viel Blaue Musik refers to the myth of Monsalvat and Richard Wagner's interpretation of the themes of the Holy Grail, redemption through love and renunciation of the world. Thus, the four parts of Viel Blaue Musik are called Tanhûser, Lohengrin, Drystan and Isolde, and Perceval. The spellings allude to the medieval origins of the legends, which are also thematised in the compositions, for example, through quotations from the minstrel Tanhûser and Wolfram von Eschenbach's Tristan novel.
Mantra is inspired by similarities between the tradition of many spiritual schools of reciting mantras on the one hand and the use of patterns in music on the other. Releasing the work as a complement to Viel Blaue Musik on this album seemed plausible to me, insofar as Wagner had actually planned to write an opera on Buddhist themes after Parsifal. The patterns I use are essentially musical "translations" of traditional mantras from Hinduism, Theravada and Zen Buddhism as well as Vajrayana.
The result is music that can neither be called ‘classical’ nor ‘modern’.
Viel Blaue Musik
Wenn Nietzsche über Wagners Lohengrin schreibt, er enthielte „viel blaue Musik“, meint er dies nicht als Lob. Im Gegenteil: Der Religionskritiker und Moralskeptiker Nietzsche sah - hörte - in Wagners Werk eine Art „narkotische Wirkung“, die Wagner seiner Meinung nach gegen seine eigene „kreative Zerfahrenheit“ einsetzt. Was Nietzsche dabei übersieht, als ewiger Skeptiker übersehen muss, ist der Unterschied zwischen Betäubung und Transzendenz. Wagners Werk ist unverkennbar spätestens seit dem Lohengrin - Anfänge finden wir schon früher - getränkt und getrieben von einer übergroßen Sehnsucht nach etwas Besserem, Höherem, Edlerem als dem Erdenleben. Seine Musik ist eine tiefe spirituelle Suche, die im Parsifal gipfelt und seine Fortsetzung finden sollte in einer geplanten Oper über buddhistische Themen.
Die damalige westlich-romantische Deutung des buddhistischen Begriffs Nirvāna (Sanskrit निर्वाण, Pali Nibbāna) als ein „Nichts“ und als „Vernichtung“ freilich war ein Missverständnis. Die wörtliche Übersetzung „auswehen“ (nis, nir = aus-, vā = wehen) führte zu einer nihilistischen Interpretation, die jedoch durch die Umschreibung des Zustands in den ursprünglichen Quellen, z.B. dem Pali-Kanon, eindeutig widerlegt ist. Fehlinterpretationen, wie und was Erlösung sein kann entstehen unwillkürlich, da der Mensch sich einen Zustand ohne Gegensätze, ohne auch nur die geringste Irritation oder Leidhaftigkeit, ohne Vergänglichkeit schlichtweg nicht vorzustellen in der Lage ist. Ein solches ist außerhalb der irdischen Erlebniswelt (Meister Eckhardt: „Der Himmel empfängt keinen fremden Eindruck.“). Schopenhauer, dessen Werk Wagner verehrte, wusste dies. Wagners eigenes Verständnis und seine Entwicklung diesbezüglich ist zu komplex, um in wenigen Sätzen beschrieben zu werden. Doch ist es schwer vorstellbar, dass Wagner, dessen Begabung zum Asketen diametral zur Größe seines Ego im Verhältnis stand, den Gedanken einer vollständigen Selbstvernichtung attraktiv fand. Oder gerade?
In jedem Fall geht es in seinem Werk immer wieder um die Auflösung irdischer Leidensfaktoren wie Macht, Begehren, Hass und Zweifel, um die Auflösung von Widersprüchen, die im Diesseits nicht zu bewältigen sind, um Erlösung durch Liebe. Das „Blaue“ in Wagners Musik ist nun also kein Opium, wie Nietzsche es beschreibt, sondern ein zutiefst menschlicher Schaffensantrieb und Ausdruck der intrinsischen Sehnsucht aller Wesen nach Leidbefreitheit.
In seinen späten Werken soll dies durch einen gewachsenen, veredelten Menschen erreicht werden. Insofern scheint sich Wagner hier inhaltlich von Schopenhauer entfernt zu haben, obzwar er ihn nach wie vor verehrte. Hier mag, trotz des Zerwürfnisses und der großen Kluft in der Entwicklung der beiden, ein Einfluss Nietzsches sichtbar sein.
Im Fliegenden Holländer, in Tannhäuser und Lohengrin jedoch haben wir die Idee der Erlösung durch Weltentsagung wie wir sie ähnlich auch bei Schopenhauer finden. Interessant daran ist, dass Wagner diese Werke schrieb, bevor er Schopenhauers Welt als Wille und Vorstellung kannte.
So ur-menschlich Wagners Wunsch nach Erlösung ist, so unwiderstehlich fühlte er sich zu archaischen Themen hingezogen. Die Protagonisten seiner Werke sind eher Archetypen menschlichen Handelns, Leidens, Denkens und Fühlens als Menschen aus der Nachbarschaft. Wagners ausgefeilte Harmonik hingegen, seine ausgeklügelt farbige Instrumentation, seine endlosen Melodiebögen und raffinierten Orchesterflächen sind ebensowenig archaisch wie die gesamte romantische Epoche. Dass er es dennoch schafft, mit seinen Werken eine derartig archaisch wirkende Wucht zu vermitteln ist unumstritten und um so erstaunlicher. Vielleicht liegt es an jener Eigenschaft, die der Komponist Udo Zimmermann in Bezug auf Wagners Musik gern mit „Musik als Zustand“ umschrieb, eine Formulierung, die nach meinem Empfinden vieles in Wagners Werk besser charakterisiert als Nietzsches Bild vom Opiat. Und die schiere Sehnsucht nach Erlösung ohne Klarheit über Weg und Ziel gebiert auch neues Leid, denn sie spaltet Dasein vom Ideal. Auch das ist es, was wir bei Wagner hören und was direkt zu unserer eigenen Erfahrung spricht.
All diese Facetten und Gedanken sind in meine Arbeit zu den vier elektroakustischen Stücken eingeflossen. Neben Zitaten von Wagner nutze ich darin auch Material aus früheren, archaischeren (hic!) Quellen, so z.B. original überlieferte Melodien des Minnesängers Tannhäuser († nach 1256), Textfragmente aus dem Tristan von Gottfried von Straßburg († um 1215), das aus dem 14. Jahrhundert überlieferte Lamento di Tristano.
Die vier Musiken beziehen sich auf die Opern Tannhäuser, Lohengrin, Tristan und Isolde sowie Parsifal, erzählen sie aber nicht nach, sondern bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Wagners Musik, dem jeweiligen Thema und meinen oben geschilderten Gedanken.
Das Ergebnis ist dabei durchaus eine „Musik als Zustand“.
Und der Titel „Viel Blaue Musik“ ist eine Hommage an Wagners historische Leistung, die Musik zu ihren Wurzeln einer spirituellen Kunst, einer transzendierenden Kraft zurückzuführen. Im Lichte modischer Tendenzen zwischen hoffnungsloser Verseichtung, grellem, oft austauschbaren Sinnesspektakel und Provokation um ihrer selbst willen ist diese kaum hoch genug einzuschätzen und sein Vermächtnis, wenn wir uns denn bemühen, es zu verstehen, heute aktueller denn je.
MANTRA
Die elektroakustische Komposition Mantra ist inspiriert von Gemeinsamkeiten zwischen der Tradition vieler spiritueller Schulen, Mantras zu rezitieren und der Verwendung von Pattern in der Musik.
So habe ich etliche traditionelle Mantras aus dem Hinduismus, dem Theravada- und dem Zen-Buddhismus und dem Vajrayana in musikalische Pattern übersetzt und mit diesen dann die Komposition gebaut. Um dem natürlichen Rezitieren eines Mantras möglichst nahe zu kommen nahm ich dazu nicht die westliche gleichstufig-temperierte Stimmung, sondern die echte, natürliche Obertonreihe als Grundlage.
Das Ergebnis ist eine Musik, die weder "klassisch" noch "modern" genannt werden kann.
C. René Hirschfeld